Ringen zwischen Investoren und Gläubigern

Atos erhält vier Rettungsangebote

07.05.2024
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Martin Bayer ist Chefredakteur von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO. Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP.
Peter Sayer ist Korrespondent des IDG News Service.
Hoffnung für Atos. Eine der vier Kapitalofferten könnte den Dienstleister retten. Damit verbunden wären allerdings auch Umstrukturierungen oder eine Neuausrichtung.
Hoffnungsschimmer für Atos. Vier Rettungsangebote liegen vor.
Hoffnungsschimmer für Atos. Vier Rettungsangebote liegen vor.
Foto: CoolR - shutterstock.com

Atos hat vier Angebote erhalten, die den angeschlagenen IT-Serviceanbieter mit frischem Kapital versorgen könnten. Das defizitäre Unternehmen kämpft derzeit mit der Rückzahlung und Umstrukturierung seiner Schulden. Die Verantwortlichen suchen seit fast zwei Jahren nach neuen Kapitalquellen. Zwischenzeitlich stand eine Aufspaltung von Atos zur Diskussion wie auch der Verkauf einzelner Firmenteile. Doch all diese Pläne zerschlugen sich und die Probleme wurden immer größer.

Erst Ende April war bekannt geworden, dass Atos deutlich mehr frisches Geld als ursprünglich angenommen zum Überleben braucht. Ging der französische IT-Dienstleister vor wenigen Wochen noch von 600 Millionen Euro aus, ist es mittlerweile fast das Doppelte. Laut einer offiziellen Mitteilung benötigt der Konzern 1,1 Milliarden Euro an Barmitteln, um den Geschäftsbetrieb im laufenden Jahr und 2025 aufrechterhalten zu können.

Alle Details zu den Problemen bei Atos lesen Sie hier:

Anfang April bat Atos sowohl bestehende als auch potenzielle neue Investoren um Angebote zur Rekapitalisierung. Als zunächst keine Angebote eingingen, verlängerte das Unternehmen die Frist bis zum 3. Mai. In der Zwischenzeit hatte auch die französische Regierung ein vorläufiges Angebot vorgelegt, Teile der Atos-Sparte Big Data und Security (BDS) für rund eine Milliarde Euro zu übernehmen.

Bis zum Stichtag am 3. Mai gingen vier Offerten ein, die Atos auf seiner Website veröffentlicht hat. Die Angebote stammen von dem Privatinvestor Bain Capital, einer Gruppe bestehender Atos-Gläubiger, einem Konsortium inklusive des Atos-Aktionärs Onepoint sowie einer Investorengruppe, zu der auch der Investmentfonds EP Equity Investment (EPEI) des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky gehört, der bereits in Vergangenheit an einer Teilübernahme von Atos interessiert war. Die Gespräche waren Ende Februar 2024 von beiden Seiten für gescheitert erklärt worden.

Bain Capital ist schon draußen

Bain Capital offenbarte sich als der bis dato unbekannte Interessent für das Digitalgeschäft von Atos. Außerdem bekundeten die Investoren Interesse an den Resten von BDS nach einer erwarteten Abspaltung der staatlich kontrollierten Bereiche. Man werde sein bisheriges Angebot jedoch nicht ohne weitere Informationen aufrechterhalten können, ließen die Bain-Verantwortlichen durchblicken.

Das Angebot von Bain Capital

Am 5. Mai lehnte der Vorstand von Atos Bains Angebot ab. Es entspreche nicht den strategischen Zielen des Gesamtunternehmens, hieß es. Die Entscheidungsträger planen eigenen Angaben zufolge, die verbleibenden Angebote gemeinsam mit den Gläubigern des Unternehmens zu bewerten. Atos hat sich eine Frist von einem Monat gesetzt, um eine Entscheidung zwischen den Angeboten zu treffen.

Bis Ende Mai will Atos-CEO Paul Saleh eine Lösung finden.
Bis Ende Mai will Atos-CEO Paul Saleh eine Lösung finden.
Foto: Atos

"Wir werden jetzt mit unseren Gläubigern zusammenarbeiten, um bis zum 31. Mai eine Lösung zu finden, die für sie akzeptabel ist und den von uns gemeinsam festgelegten Parametern entspricht", erklärte Atos CEO Paul Saleh. "Ich bin zuversichtlich, dass wir bis zum Juli eine endgültige Vereinbarung erreichen können, die den Fortbestand des Betriebs für unsere Kunden sicherstellt und im besten Interesse aller Beteiligten von Atos ist."

Gläubiger fühlen sich als Eigentümer von Atos

Die aktuellen Gläubiger - vertreten durch ein Lenkungsgremium der Anleihegläubiger und ein Koordinierungsgremium der kreditgebenden Banken - machten in ihrem Angebotsschreiben deutlich, dass sie die faktischen wirtschaftlichen Eigentümer des Unternehmens sind. Sie signalisierten ihre Bereitschaft, das Unternehmen weiter zu unterstützen, forderten jedoch ein Mitspracherecht bei weiteren Investitionen und schlugen einen Schuldenerlass vor - im Tausch gegen Aktien. Den bestehenden Aktionären bliebe damit nur 0,1 Prozent des Unternehmens. Der Wert der gehandelten Atos-Papiere liegt derzeit bei etwa 225 Millionen Euro - Anfang 2021 waren sie noch neu Milliarden Euro wert.

Das Angebot der Gläubiger

Onepoint will Atos als Ganzes erhalten

Das Konsortium Onepoint, derzeit größter Aktionär von Atos, hat ein Bündnis mit dem französischen Investmentfonds Butler Industries geschlossen. Gemeinsam plant man, das Unternehmen in seiner Gesamtheit zu erhalten und auf die vertikale Integration der vielfältigen Geschäftsbereiche von Atos zu setzen. Dies umfasst unter anderem Cloud-Hosting, Infrastrukturmanagement, Cybersicherheit und Beratungsdienste.

Ziel sei es, einen französischen Champion für groß angelegte Transformationen für Unternehmen und öffentliche Akteure aufzubauen, mit einem Umsatz von elf Milliarden Euro und rund 100.000 Mitarbeitern, hieß es im Angebot. "Cybersicherheit wird ein integraler Bestandteil des Kontinuums von Managed Services bis zur Infrastruktur sein."

Das Angebot von Onepoint

Onepoint bietet an, 350 Millionen Euro in Atos zu investieren zu investieren. "Als Ergebnis der Transaktion wird das Onepoint-Konsortium mindestens 35 Prozent der Aktien und Stimmrechte des Unternehmens halten, da wir der Meinung sind, dass ein starker französischer Ankeraktionär mit unbestrittener Branchenexpertise absolut erforderlich für das Unternehmen ist", so das Unternehmen.

EPEI: Atos soll Data-Center-Dienstleister werden

Das letzte Angebot stammt von EPEI, dem Investmentfonds, der im Februar seine Pläne zur Übernahme der alten Infrastrukturmanagement-Aktivitäten von Atos, Tech Foundations, aufgegeben hatte. Sein neuer Plan in Zusammenarbeit mit dem in London ansässigen Vermögensverwalter Attestor besteht darin, Atos zum "führenden europäischen Industrieunternehmen für die Entwicklung, die Optimierung, den Betrieb und die Vermarktung von Rechenzentren als Dienstleistung" zu machen. Weniger rentable Aktivitäten sollen aufgegeben, andere in Niedrigkostenländer verlagert werden. Außerdem sieht der Plan vor, teure Führungskräfte durch jüngere Manager zu ersetzen.

Das Angebot von EPEI

In ihrem Angebotsschreiben erklärten die Partner, sie hätten noch keine klare Meinung darüber, ob sie das Unternehmen zusammenhalten oder entflechten sollten. Andere Dinge scheinen sich dagegen klarer abzuzeichnen. EPEI und Attestor deuteten Preiserhöhungen für bestehende und neue Kunden an: "Wir werden die bestehenden Verträge rigoros überprüfen, diejenigen, die unterdurchschnittliche Leistungen erbringen, verbessern und Strategien umsetzen, um eine Wiederholung solcher Probleme zu verhindern." Darüber hinaus werde man den Abschluss von Verträgen mit unzureichender Leistung entschlossen beenden, um den Betrieb zu straffen und die Ressourcen effizienter einzusetzen.