Karriere als IT-Beraterin

Frauen kommen auf Umwegen in die IT

22.04.2013 von Michael  Schwengers
Ein Patentrezept für einen höheren Frauenanteil in IT-Berufen gibt es nicht. Mehr Praxis im Bildungssystem könnte aber ein guter Weg sein. Das meinen zumindest zwei Beraterinnen aus der Branche – und blicken dabei auf ihre eigene Erfahrung.
Auf Umwegen kommen Frauen oft zur IT.
Foto: blas - Fotolia.com

Ursprünglich hatte sich Anne Ulitze ihren Berufsweg ganz anders vorgestellt. Sie wollte Schüler mit Faust, Gretchen und Mephisto bekannt machen oder ihnen den Zitronensäurezyklus erklären. Daraus wurde aber nichts. Nach ihrem ersten Staatsexamen als Lehrerin für Deutsch und Biologie fing sie 1987 in einem Softwarehaus an. „Damals waren die Berufsaussichten für Lehrer nicht besonders rosig", erinnert sich die heute 52-Jährige. „Außerdem scheute ich die Routine in der Schule. Die IT erschien mir deutlich abwechslungsreicher – zumal Mitte der 80er vieles im Aufbruch war." Wie faszinierend Bits und Bytes sein können, hatte Anne Ulitze entdeckt, als sie während ihres Studiums bei einer Telemarketing-Agentur jobbte, die auf IT-Unternehmen spezialisiert war. „In dieser Zeit habe ich enorm viel darüber gelernt, wie IT helfen kann, betriebliche Abläufe zu erleichtern. Das hat mich so sehr beeindruckt, dass ich irgendwann meinen Chef überredet habe, einen PC für uns anzuschaffen."

Irritierte Männer

Als Anne Ulitze vor 25 Jahren in der IT begann, war sie allein unter Männern.
Foto: MHP

Nach über 25 Jahren und einigen Karrierestationen – unter anderem bei Peoplesoft oder Oracle – ist Anne Ulitze als Associated Partner im Management der Prozess- und IT-Beratung Mieschke Hofmann und Partner (MHP) angekommen. Seitdem hätte sich in Sachen Frauen und IT mehr tun können. „Als ich damals in der IT anfing, war ich die einzige Frau in einem 15köpfigen Team und damit eine Exotin. Anfangs konnte ich meine männlichen Kollegen schon damit überraschen, dass ich ein Farbband am Drucker wechselte." Im Laufe der Jahre habe sich das aber nach und nach etwas normalisiert: Die Zahl der Kolleginnen nahm zu, die Irritation der Männer ließ nach.

2012 waren laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom unter 700 IT-Unternehmen etwa 15 Prozent der IT-Fachkräfte Frauen. In den Chefetagen sind Frauen immer noch die Ausnahme: Laut Hoppenstedt Branchenmonitor „Frauen im IT-Management" lag der Frauenanteil im Top-Management von IT-Firmen 2012 bei 7,2 Prozent – 2006 waren es 6,6 Prozent. Die Bitkom-Umfrage macht nur vier Prozent weibliche Führungskräfte in IT-Unternehmen aus. Bei MHP sind 10,5 Prozent Frauen im Top-Management.

Anne Ulitze macht für die Gesamtsituation vor allem zwei Umstände verantwortlich: Erstens führe das Erziehungs- und Bildungssystem junge Frauen nicht genügend an die IT heran und baue so die bestehenden Berührungsängste nicht wirkungsvoll ab. Auch begrüßenswerte Initiativen wie der „Girls‘ Day" könnten daran nur wenig ändern. Zweitens sei die Entscheidung für Kinder meist gleichbedeutend mit einem Karriereknick. „Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen die Unternehmen viel aktiver werden. Dass das geht, erlebe ich bei MHP. Hier werden mit jungen Müttern – und übrigens auch Vätern – individuelle Modelle gefunden, die zur Lebenssituation passen. Was in einem Beratungsunternehmen funktioniert, müsste auch in anderen IT-Firmen möglich sein."

Theoretische Informatikvorlesungen schrecken Frauen ab

Henrike Götting arbeitet seit einem Jahr als IT-Beraterin bei MHP.
Foto: MHP

Erst vor knapp einem Jahr hat sich Henrike Götting für eine Karriere als IT-Beraterin entschieden. Nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium an der Fachhochschule Münster stieg sie bei MHP als Junior Consultant ein. Mittlerweile übernimmt sie in Projekten als Consultant Verantwortung. Zu Beginn des Studiums konnte sie mit der Informatik nichts anfangen: „IT interessierte mich nicht besonders und die sehr theoretischen Pflichtvorlesungen in dem Fach haben mich in meiner Haltung weiter bestärkt."Neugierig wurde sie durch die praxisorientierteren Vertiefungsmodule Supply Chain Management sowie Organisations- und Informations-Management. Götting erkannte, welche Bedeutung IT für Unternehmen hat und was sich mit einem durchdachten Einsatz von Hard- und Software alles anstellen lässt. Hinzu kam der Austausch mit IT-Beratern, die regelmäßig in die Hochschule eingeladen wurden und aus ihrem Berufsalltag berichteten.

In den Gesprächen ist Henrike Götting mir klar geworden, „dass ein IT-Beruf nicht bedeuten muss, den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen und zu programmieren." Genau diese Annahme war unter ihren Kommilitoninnen aber weit verbreitet, sagt Götting. Darum näherten sich nur wenige dem Thema IT. Ihre männlichen Kollegen brachten dagegen von vornherein eine größere Affinität für die Technologie mit und hatten damit auch bessere Voraussetzungen, die verschiedenen Möglichkeiten kennenzulernen. „Um daran etwas zu ändern und mehr Frauen für einen Beruf im IT-Umfeld zu begeistern, müssten die Hochschulen viel früher den Bezug von IT zur Unternehmenspraxis vermitteln – und zwar am besten in konkreten Projekten, in denen alle Facetten erfahrbar sind", fordert Götting. So würden auch Frauen erleben kennen, dass ihre spezifischen Stärken in dem Berufsfeld sehr gefragt sind.

Zu diesen zählen nach den Erfahrungen von Anne Ulitze und Henrike Götting besonders soziale Kompetenzen wie Empathie, Emotionalität und Kommunikationsfähigkeit. Eigenschaften, die in den meist sehr komplexen IT-Projekten wichtig sind, um Interessen der unterschiedlichen Personen miteinander in Einklang bringen zu können. MHP-Managerin Anne Ulitze hat beobachtet, dass es Frauen viel leichter fällt, „genau zuzuhören – zum Beispiel einem Fachanwender, der aus seiner Sicht beschreibt, welche Funktionen ein IT-System im besten Fall haben müsste." Nur wer das genau versteht, kann anschließend zielgerichtet nach Wegen suchen. Umgekehrt ist es für die Stimmung im Projekt unbedingt erforderlich, dem Mitarbeiter aus dem Fachbereich in Ruhe und verständlich zu erklären, weshalb sich manche Vorstellungen nicht verwirklichen lassen. Wird das versäumt, kommt es schnell zu Blockadehaltungen, die den Projekterfolg gefährden.

Die erfahrene Beraterin und die junge Hochschulabsolventin – beide zog es in die IT-Branche, weil sie der praktische Einsatz der Technologie begeisterte. Und beide würden sich über noch mehr Kolleginnen freuen. Anne Ulitze: „Allen jungen Frauen, die sich mit ihrer Berufskarriere beschäftigen kann ich nur sagen: Kommt in die IT – es lohnt sich."

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