Martin Hellman im Interview

"Eine Frage der Zeit, bis Atombomben explodieren"

12.02.2024
Von 
Matthew Tyson ist Java-Entwickler und schreibt unter anderem für unsere US-Schwesterpublikation Infoworld.com.
Martin Hellman ist Kryptografie-Koryphäe, Turing-Preisträger und Vorkämpfer für den Weltfrieden. Im Interview spricht er über Technologien, Konflikte und Persönlichkeitsentwicklung.
Martin Hellman ist davon überzeugt, dass nukleare Schreckensszenarien nur noch zu verhindern sind, wenn die Menschen sich von einseitigen Perspektiven verabschieden.
Martin Hellman ist davon überzeugt, dass nukleare Schreckensszenarien nur noch zu verhindern sind, wenn die Menschen sich von einseitigen Perspektiven verabschieden.
Foto: Khamidulin Sergey | shutterstock.com

Als Miterfinder des Diffie-Hellman-Algorithmus hat Martin Hellman längst Legendenstatus innerhalb der Technologiewelt erlangt. Für seine wegweisende Arbeit im Bereich der Kryptografie und der digitalen Signatur wurde Hellman bereits im Jahr 2015 mit dem renommierten Turing Award ausgezeichnet.

Seither beschäftigt sich der Verschlüsselungsvorreiter vor allem mit zweierlei Themen: dem Weltfrieden und der persönlichen (Weiter-)Entwicklung. Wie das alles mit der Technologiewelt zusammenhängt, beziehungsweise zusammengeht, hat uns Hellman in einem ausführlichen Interview verraten.

"Technologie und Mensch lassen sich nicht trennen"

Sie beschäftigen sich schon viele Jahre mit Technologien. Wenn Sie darauf blicken, wie sich die Dinge ganz allgemein entwickelt haben - gibt es etwas, das Sie überrascht hat?

Martin Hellman: Ich nehme an, ich bin nicht so überrascht wie viele andere Menschen. Das liegt jedoch zum Teil auch daran, dass ich mich so intensiv mit dem Thema beschäftigt habe. Ich hatte schon im Jahr 1975 eine Vorstellung von der nahenden Revolution in der Computerkommunikation. Seither beobachte ich die Entwicklungen auf der Metaebene.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich gewonnen habe: Technologie und Mensch lassen sich nicht voneinander trennen. Für Technologen besteht allerdings eine große Versuchung, in eine Art Gedankensilo abzurutschen.

Als Sie gemeinsam mit Whitfield Diffie die Public-Key-Kryptographie erfunden haben, hat das zu einem großen Konflikt mit staatlichen Überwachungsinstitutionen geführt - insbesondere der National Security Agency. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Bereich der digitalen Spionage ein?

Hellman: Wir brauchen eine stärkere, internationale Zusammenarbeit. Wie können wir echte Cybersicherheit erreichen, wenn Staaten sich gegenseitig im Cyberraum angreifen? Wie stellen wir sicher, dass KI nur positiv eingesetzt wird, wenn die Technologie in Waffensysteme einfließt? Und dann ist da noch die größte aller technologischen Bedrohungen: Wenn wir weiterhin Kriege führen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Atombomben explodieren. Gerade dieses höchst inakzeptable Ausmaß des nuklearen Risikos macht deutlich, dass wir unsere Entscheidungen, auch im Bereich der Cybersicherheit, kritisch hinterfragen sollten. Wenn unsere Strategien wirksam sein sollen, müssen wir die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.

Schon vor 2022 war das Risiko für einen Atomkrieg in etwa so hoch, als würde man beim Nuklear-Roulette etwa alle fünfzehn Jahre den Abzug betätigen. Der Krieg in der Ukraine sowie der wiederaufgeflammte Nahost-Konflikt haben dieses Risiko weiter erhöht. Inzwischen betätigen wir den Abzug ungefähr einmal pro Jahr. Das steht nicht im Widerspruch zu den Aussagen der Experten, die einen Atomkrieg für unwahrscheinlich halten. Schließlich ist auch bei einer Partie russisches Roulette das wahrscheinlichste Ergebnis, mit heiler Haut davonzukommen. Allerdings würde niemand der bei Verstand ist, dieses 'Spiel' freiwillig spielen - geschweige denn auf regelmäßiger Basis.

In Ihrem kürzlich erschienenen Buch "A New Map for Relationships", das Sie gemeinsam mit Ihrer Frau geschrieben haben, erzählen Sie von einem Treffen mit Admiral Bobby Ray Inman, ehemaliger Leiter der NSA. Wie kam es dazu und inwiefern hat es Ihre Perspektive auf staatliche Spionage, ihre Akteure und Mitarbeiter verändert?

Hellman: Das ist ein großartiges Real-Life-Beispiel dafür, wie eine ganzheitliche Sichtweise die scheinbar unüberwindbare Blockade auflösen kann, die durch einseitige Perspektiven entstehen kann. Oder wie wir in unserem Buch sagen: 'Werde neugierig, nicht wütend'. Dieser Grundsatz ist nicht nur mit Blick auf öffentlichkeitswirksame Konflikte wie den mit der NSA hilfreich - sondern in allen Aspekten des Lebens.

"Ich war viele Jahre wütend auf RSA"

Sie haben mit Whitfield Diffie den Algorithmus entwickelt, der jetzt Ihren Namen trägt. Allerdings ging der Großteil des daraus entstandenen finanziellen Nutzens trotz Patent vor allem an RSA, die darauf aufgebaut haben. Was können Sie uns darüber sagen?

Hellman: Ich war viele Jahre wütend auf RSA, Inzwischen habe ich aber erkannt, dass das nicht mehr mit meiner Lebenseinstellung vereinbar ist. Es ist zwar leichter gesagt als getan, aber es ist entscheidend, seine Wut hinter sich zu lassen und zur Empathie zu finden. Das ist auch ein großes Thema in unserem neuen Buch.

Was würden Sie jungen Technologieexperten von heute mit Blick auf Ihre eigenen Erfahrungen raten?

Hellman: Ich würde sie ermutigen, sich die 'Weisheit der Dummheit' zu eigen zu machen. Wenn Sie mehr über dieses Phänomen erfahren möchten, sollten Sie sich meinen Vortrag zum Thema an der Stanford University School of Engineering zu Gemüte führen.

Sie beschäftigen sich auch mit Themen, die nichts mit Technologie zu tun haben. Sie setzen sich etwa gegen Atomwaffen ein und engagieren sich für die nationalen Sicherheitsinteressen der USA. Können Sie Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Mathematik, dem Bereich der Software oder vielleicht auch der Spieltheorie auch in solchen Bereichen nutzen?

Hellman: Es ist entscheidend zu erkennen, dass das Narrativ, auf dem wir im westlichen Teil der Welt beharren, stark vereinfacht ist. Dazu besteht die klare Tendenz dazu, uns selbst als gut darzustellen und unsere Gegner als böse.

Putin hatte kein Recht, in die Ukraine einzumarschieren. Aber die ganze Geschichte ist wesentlich komplizierter, als sie oft in unseren Medien - und von uns selbst - dargestellt wird. Eine Umfrage der Universität Chicago vier Monate nach dem Einfall in der Ukraine kam zum Ergebnis, dass 85 Prozent der befragten Ukrainer Russland die Schuld am Krieg gaben. Allerdings machten auch 70 Prozent die eigene Regierung dafür verantwortlich. Und 58 Prozent schrieben den USA die Verantwortung zu.

Ich habe mit einem der leitenden Forscher der Universität gesprochen. Sie konnten einen Bias identifizieren, der dafür sorgte, dass die Umfrage überdurchschnittlich pro-ukrainisch ausfiel. Es wurden beispielsweise ukrainische Handynummern verwendet, die in den besetzten Gebieten meist nicht funktionierten. Der Psychologe Carl Gustav Jung hat das Konzept des 'Schatten' geprägt - ein Teil von uns, der für uns so inakzeptabel ist, dass er vor unserem bewussten Verstand verborgen bleibt. Dennoch kann er viele Probleme auf einer unterbewussten Ebene verursachen.

"Werde neugierig, nicht wütend"

Menschen, die in der Software- und Technologiebranche arbeiten, tun sich oft schwer, wenn es darum geht, über Themen wie den Weltfrieden oder innere Zufriedenheit nachzudenken. Wie haben Sie sich diesen Themen angenähert?

Hellman: An solchen Themenkomplexen zu laborieren, macht das Leben in meiner Erfahrung viel besser. Ich habe nicht bewirken können, dass Atomwaffen verschwinden oder Kriege beendet werden. Aber meine Frau und streiten uns nicht mehr. Wir sind uns natürlich weiterhin noch uneinig, haben aber gelernt, Meinungsverschiedenheiten als Chance zu sehen, voneinander zu lernen. Auch hier greift das Konzept der ganzheitlichen Lösungen.

Sie schreiben in Ihrem Buch darüber, dass der Weltfrieden und der persönliche, innere Frieden in Beziehung zueinander stehen. Wie und warum sind Sie zu dieser Einsicht gekommen?

Hellman: Etwa zehn Jahre nach dem Beginn unserer Ehe - wir sind inzwischen seit 56 Jahren verheiratet - standen wir vor den Trümmern unserer Beziehung. Zwei Kinder und ein Haus, das wir uns nicht leisten konnten, hatten uns an den Rand der Scheidung gebracht. Das war mir allerdings verborgen geblieben. Aber meine Frau Dorothie dachte darüber danach, mich zu verlassen. Glücklicherweise hatte sie, als sie mich kennenlernte, beschlossen, dass ich 'der Richtige' war. Deshalb machte sie sich auf die Suche nach Katalysatoren, die uns helfen könnten, unsere Beziehung zu verändern.

Sie arbeitete damals als Wirtschaftsprüferin bei Touche Ross, heute Deloitte. Einer der Partner und seine Frau gehörten zu einer Gruppe namens 'Creative Initiative'. Dort fand meine Frau die Art von Katalysator, nach der sie gesucht hatte. Sie schleppte mich fast ein Jahr lang zu Treffen und Seminaren - bevor ich schließlich erkannte, dass ich etwas verändern musste, wenn meine Ehe überleben sollte. Also gab ich meinen Widerstand auf und öffnete mich für scheinbar verrückte Ideen. Das Wichtigste war dabei, mich für Mindsets zu öffnen, die mir eigentlich fremd waren - 'werde neugierig, nicht wütend' zum Beispiel. Die Gruppe war ein wichtiger Schritt auf unserem Weg. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, können Sie sich unser Buch direkt als kostenloses PDF herunterladen.

Sie könnten der erste Mensch sein, der sowohl den Turing Award als auch den Friedensnobelpreis erhält. Wie finden Sie diese Perspektive?

Hellman: Ich halte das für unwahrscheinlich. Aber es wäre ein schöner Impulsgeber für meine Arbeit.

(fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Infoworld.